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Das Märchen vom Osterhasen: Lüge oder Fantasieanregung?

Am 16. April ist es wieder soweit – dann stehen frühmorgens viele neugierige Kinder auf, um zu schauen, was der Osterhase in der Nacht für sie versteckt hat. Und während die Kinder sich am Ostersonntag mit leuchtenden Augen auf die Eiersuche begeben, fragen wir Eltern uns, wie lange uns die Kleinen dieses Märchen noch abkaufen und ob sie uns die Flunkerei irgendwann übel nehmen werden.

Die Mär vom Osterhasen: Tradition vs. Gewissensbisse

Ostereier suchen – die Lieblingsbeschäftigung der Kinder an Ostern. Bildquelle: © Ben_Kerckx | pixabay.com

In der Regel fangen Kinder mit zwei bis drei Jahren an, an den Osterhasen zu glauben. Viele Eltern unterstützen sie in dem Glauben – so wie auch wir als Kinder schon an den tüchtigen Hoppelhasen glaubten. Die Geschichte vom Osterhasen hat eine jahrhundertealte Tradition und ist ein Brauch, der nicht nur in Europa, sondern auch in Amerika und Australien von Generation zu Generation weiter gegeben wird. Und dennoch sorgt das Märchen um den Osterhasen bei vielen Eltern für ein schlechtes Gewissen, schließlich flunkern wir unsere Kinder an – trotz der gut gemeinten Absicht. Doch was ist „pädagogisch sinnvoll“? Sollen wir unseren Kindern von vornherein ganz ehrlich erzählen, dass es den Osterhasen gar nicht gibt – und so die Illusion rauben und womöglich zum Spielverderber werden? Oder sollen wir das Ritual beibehalten und den Kindern den Glauben an die Fantasiefigur lassen?

Der Glaube an Fantasiegestalten tut Kindern gut

Natürlich müssen Eltern diese Entscheidung letztendlich selber treffen. Aber beruhigend zu wissen ist, dass sehr viele Pädagogen und Psychologen die Meinung vertreten, dass es den Kindern in keinster Weise schadet, an den Osterhasen zu glauben. Ganz im Gegenteil! Rituale wie die Ostereiersuche am Sonntagmorgen sind wichtig für die kognitive Entwicklung des Kindes. Und der Glaube an Fantasiegestalten – und dazu gehören auch Osterhase, Weihnachtsmann und Zahnfee – regen die kindliche Vorstellungskraft und die Kreativität an. Denn die Fantasie bietet unendlich viele Möglichkeiten, die es in der realen Welt nicht gibt. Und realistisch denken und handeln müssen die Kinder früh genug – da ist es doch ganz schön, wenn sie zumindest die ersten Jahre ihres Lebens in Traumwelten abtauchen können und Raum für Illusionen und Geschichten bekommen. Eben das macht den „Zauber“ der Kindheit ein Stück weit aus. Wer die kindliche Begeisterung mindert und den Kindern erzählt, dass es den Osterhasen gar nicht gibt, wird da schnell zum Spielverderber.

Der Glaube an den Osterhasen endet von alleine

Doch wie lange glauben Kinder an den Osterhasen? Umfragen ergeben: im Durchschnitt wesentlich kürzer als beispielsweise an den Weihnachtsmann. Spätestens, wenn die Kinder in die 2. oder 3. Klasse gehen, beginnen sie, gemeinsam mit ihren Mitschülern an der Existenz des fleißigen Häschens zu zweifeln. Das ist ja auch kein Wunder, denn anders als der Weihnachtsmann, der ein rüstiger alter Herr ist, der zudem noch einen Schlitten und viele Rentiere zur Unterstützung hat, ist der Osterhase eben nur ein kleiner Hase, dem es schon aus körperlichen Gründen eigentlich nicht gelingen kann, so viele Ostereier zu tragen und zu verstecken. Und wie kann er die Ostereier anmalen? Wo bekommt er die Schokolade her? Wieso weiß der Osterhase, dass ich mir genau dieses Buch wünsche? Wie schafft er es, an regnerischen Ostertagen in den 3. Stock unseres Hauses zu gelangen? Diese oder ähnliche Fragen stellen sich dem Kind irgendwann und es wird beginnen, Euch als Eltern neugierige und kritische Fragen zu stellen.

Auf Nachfragen sensibel eingehen

Solange Eure Kinder nicht offen zweifeln und beginnen, Nachfragen zu stellen, braucht Ihr das Geheimnis nicht von Euch aus zu lüften. Manche – auch schon ältere – Kinder wollen regelrecht daran glauben, auch wenn sie instinktiv wissen, dass es den Osterhasen gar nicht gibt. Wenn Euer Kind aber ernsthaft beginnt, misstrauisch zu werden, ist es wichtig, sensibel darauf zu reagieren. Gerade bei älteren Kindern ab sechs oder sieben Jahren sollte man dann aufhören, sie vom Gegenteil überzeugen zu wollen. Wenn man seine Kinder dann weiter anflunkert, besteht die Gefahr, dass das Vertrauensverhältnis gefährdet wird und sie von den Eltern enttäuscht sind, so die Ansicht der Psychologen. Die beste Möglichkeit ist es, die Kinder bei ihren kritischen Nachfragen zu unterstützen und sie zu fragen, was sie denn denken, was es mit dem Osterhasen auf sich habe.

Auch wenn Eure Kinder dem Glauben an den Osterhasen entwachsen, Ostereier sammeln möchten sie sicher trotzdem noch. Bildquelle: © cnort | pixabay.com

Hüter der Fantasie

Damit Euer Kind auf diese „Offenbarung“ zum einen nicht traurig reagiert und zum anderen sein neues Wissen nicht an die jüngeren Geschwisterkinder und Freunde weitergibt, könnt Ihr eine Art Spiel daraus machen und ihn nun zum „Hüter der Fantasie“ ernennen. Erklärt Eurem Kind, dass der Glaube an den Osterhasen eine lange Tradition hat und dass schon Eure Eltern, Großeltern und Urgroßeltern Ihren Kindern diese Geschichte erzählt haben. Erinnert es vor allem auch daran, wie schön und aufregend es für die kleineren Kinder ist, an diese Fantasiegestalt zu glauben. Wer das Geheimnis kennt und zu den „Eingeweihten“ gehört, ist nun Mitglied einer Art Geheimbund, dessen Aufgabe es ist, diesen Brauch am Leben zu erhalten. Und ganz wichtig: Versichert Eurem Kind, dass es auch weiterhin an jedem Ostersonntag Eier suchen darf! Denn das ist schließlich etwas, was man bis ins hohe Alter gerne machen möchte …

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