Karrierekompass

Das Arbeitszeugnis richtig lesen und verstehen

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Sprechen Sie Arbeitszeugnis? Kein Witz: Wenn es um die letzte schriftliche Bewertung geht, wenden Personaler und Chefs gerne einen von Codes und Verklausulierungen durchsetzten Sprachstil an. Doch wenn Sie ein paar Sachen beachten, wissen Sie worauf es ankommt.

1. Warum sind Sie nicht mehr bei Ihrem alten Arbeitgeber?

Steht im Zeugnis, dass Sie die Firma „auf eigenen Wunsch“ verlassen, ist klar, dass Sie selbst gekündigt haben. Wenn da jedoch steht, dass „das Arbeitsverhältnis zum 21. Oktober 2016 beendet wurde“, erkennt der aufmerksame Leser sofort, dass Ihnen fristlos gekündigt wurde. Wichtig ist auch, ob man Ihren Abgang bedauert und sie wieder willkommen heißen würde. Ein Arbeitgeber, der Ihnen schlicht für die weitere Zukunft alles Gute wünscht, möchte Sie eigentlich nie wieder sehen.

2. Mehr als nur zufrieden

Eine der klassischen Formulierungen ist die Beschreibung: „Herr Müller erledigte die ihm übertragen Aufgaben zu unserer Zufriedenheit.“ Klingt doch nicht schlecht, oder? Falsch. Denn das ist ein eher schlechtes Zeugnis, gerade noch eine Schulnote 4. Dieser Satz lässt sich noch um einiges steigern, etwa „stets zu unserer vollsten Zufriedenheit“. Auch dieses Muster wird Ihnen im Zeugnis öfter als einmal begegnen.

3. Was haben Sie erreicht?

Wenn Ihr Arbeitgeber Ihnen schon für „stets absolut überzeugende Leistungen“ dankt, die der Schulnote 1 entsprechen, dann wird es auch möglich sein, diese Leistungen zu benennen. Haben Sie die Produktivität gesteigert? Haben Sie entscheidend dazu beigetragen, dass sich der Marktanteil verdoppelt hat? War es Ihre Produktidee, mit der das Unternehmen so erfolgreich war? Oder haben Sie Entwicklungsarbeit geleistet, etwa indem Sie eine neue Abteilung aufgebaut und erfolgreich gemacht haben? Scheuen Sie sich nicht, solche Beispiele einzufordern. Wichtig ist dabei auch, dass die Projekte nicht nur aufgelistet werden, sondern das auch deren Erfolg betont wird. Sonst versteht man vielleicht, dass Sie an der Aufgabe gescheitert sind.

4. Die lieben Kollegen

Oft steht im Zeugnis auch, wie Sie bei den Mitarbeitern ankamen. Dass es nichts Gutes heißt, wenn Sie „wegen Ihrer geselligen Art“ bei den Kollegen beliebt waren, leuchtet ein. Denn es klingt ja schon so, als würden Sie mehr Zeit in der Kaffeeküche als am Schreibtisch verbringen. Und genau das ist auch gemeint. Wird jedoch betont, dass Sie ein wichtiger und unverzichtbarer Teil des Teams waren, versteht der Leser, dass Sie äußerst konstruktiv und erfolgreich mit Ihren Kollegen zusammengearbeitet haben.

5. Details gehören dazu

„Herr Müller war für die allgemeine Verwaltung zuständig.“ Na toll. Sie durften Briefe öffnen, links lochen und abheften? Oder war es vielleicht doch eine etwas anspruchsvollere Tätigkeit? Dann sollte dies gerne auch im Detail beschrieben werden. In gut organsierten Firmen stehen solche Aufgaben meist in einer Job-Beschreibung. Diese Passagen dürfen gerne ins Arbeitszeugnis übernommen werden. Wichtig ist auch hier, dass dabei positive Wertungen eingebracht werden.

6. Chaot oder Planer?

Im Zeugnis wird auch Ihre Arbeitsweise beschrieben. Dieser Teil ist wichtig, lässt er doch erkennen, ob sie strukturiert, systematisch und zuverlässig gearbeitet haben, oder ob Erfolge bei Ihnen eher die Ausnahme waren. Auch hier ist darauf zu achten, dass durch Zeitwörter wie „stets“, „immer“ und „jederzeit“ zu erkennen ist, dass Sie ein sehr guter, zuverlässiger Mitarbeiter waren. Das Gegenteil davon ist die Floskel „in der Regel“, meint sie doch das genaue Gegenteil, nämlich: meistens nicht.

7. Nur Gutes!

Weil es gesetzlich vorgeschrieben ist, dass im Zeugnis nur positiv geschrieben werden darf, nutzen viele Personaler hier eine Art Geheimcode. Etwa indem sie ungewöhnliche Verneinungen verwenden. An dieser Stelle sollten sie skeptisch werden.

Steht da etwa: „Die Arbeitsauffassung von Herrn Müller ist nicht zu beanstanden“, so ist wahrscheinlich das genaue Gegenteil gemeint. Beschreibt man Sie als „selten unmotivierten Arbeiter“, so heißt das, dass Sie eher wie ein nasser Sack am Schreibtisch saßen, statt sich wirklich zu engagieren.
Ähnlich ist es mit Relativierungen wie „im Großen und Ganzen“, „im Wesentlichen“ oder „die meiste Zeit“. Stellen Sie sich einfach vor, man würde über die Bremsen in Ihrem Auto sagen, dass Sie „die meiste Zeit zuverlässig funktionieren“. Dann würden Sie wahrscheinlich lieber zu Fuß gehen.

8. Das Beste zum Schluss – oder nicht?

Das schönste Zeugnis und die besten Bewertungen nützen nur wenig, wenn der Ausstieg lieblos ist. So sollte am Ende deutlich werden, ob Ihr Arbeitgeber Ihren Abgang bedauert. Auch ein ausdrückliches, uneingeschränktes Lob für Ihre Leistungen ist wünschenswert. Wenn Sie eine Führungsaufgabe hatten, sollte der Erfolg Ihrer Tätigkeit noch mal zum Vorschein kommen. Laut Rechtsprechung haben Sie keinen Anspruch auf eine solche Formulierung, aber schön wäre schon, wenn am Ende steht: „Wir bedauern sein Ausscheiden außerordentlich, bedanken uns für die langjährige, stets äußerst produktive und erfolgreiche Zusammenarbeit und würden uns sehr freuen, Herrn Müller eines Tages wieder in unserer Firma begrüßen zu dürfen.“

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