Karrierekompass

Duzen oder Siezen im Bewerbungsschreiben?

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Darf ich in der Bewerbung duzen, wenn das Unternehmen mich in der Stellenanzeige duzt? Noch bis vor ca. 10 Jahren stellte sich diese Frage Bewerbern gar nicht. Denn nur Siezen kam im Bewerbungsschreiben in Frage – unabhängig davon, ob man sich bei einer konservativen Privatbank oder einer angesagten Werbeagentur bewerben wollte. Doch die Zeiten ändern sich: Heute ist das konsequente „Sie“ nicht immer angemessen, was es Bewerbern nicht gerade leichter macht, den richtigen Weg zu finden. Darf oder sollte ich den Adressaten meiner Bewerbung tatsächlich duzen, wenn in der Stellenanzeige von „Deinem Profil“ und „Das bieten wir Dir“ die Rede ist? Und wie ernst ist das mittlerweile häufig verwendete „Du“ in Stellenausschreibungen überhaupt zu nehmen?

1. Wenn Bewerber in der Stellenanzeige geduzt werden…

Wer seine zukünftigen Mitarbeiter auch auf Managementebene konsequent duzt (wie z.B. Otto), vertritt damit eine klare Position und möchte sich von anderen, vermeintlich „spießigeren“ Mitbewerbern deutlich absetzen. Die Message lautet: Wir schätzen den einzelnen Menschen, pflegen eine Unternehmenskultur mit flachen Hierarchien und haben die Förmlichkeiten vergangener Zeiten erfolgreich überwunden.

Für Bewerber bedeutet das, nicht nur die Stellenanzeigen genau unter die Lupe zu nehmen, sondern sich auch mit dem allgemeinen Image und Auftreten des Unternehmens in der Öffentlichkeit auseinander zu setzen. Ist das „Du“ nicht nur im Stellenangebot, sondern auch im Außenauftritt allgegenwärtig und zeichnet sich das Unternehmen durch eine lockere Kultur aus, sollten Sie im Bewerbungsschreiben natürlich zurückduzen.

Wer sich beispielsweise bei IKEA oder H&M bewirbt, kann gefahrlos direkt das „Du“ verwenden. In der schwedischen Sprache gibt es die höfliche Anredeform „Sie“ nicht und so wurde das Siezen auch aus den deutschen Filialen verbannt. Selbst wenn sich ältere Kunden im Möbelhaus immer noch über ein freundliches „Kann ich Dir helfen?“ wundern.

2. Siezen in der Stellenanzeige

Hier ist der Fall vollkommen klar: Das Unternehmen ist noch vom „alten Schlag“ und erwartet die förmlichere Anrede mit „Sie“. Werden Sie in der Stellenanzeige gesiezt ist es ein absolutes No-Go im Bewerbungsschreiben mit „Du“ zu antworten. Halten Sie sich unbedingt an die traditionelle Anrede „Sehr geehrter Herr…“ oder „Sehr geehrte Frau…“. Alles andere wäre unangemessen. Natürlich bedeutet ein „Sie“ in der Stellenanzeige nicht, dass es im Arbeitsalltag stocksteif zugehen muss. Möglicherweise bietet man Ihnen nach Bestehen der Probezeit das „Du“ an, vielleicht auch direkt beim Einstieg. Auf keinen Fall sollten Sie das „Du“ aber von sich aus vorschlagen.

3. Verzwickt: „Du“ und „Sie“ in der Stellenanzeige gemischt

Wird die Anrede innerhalb einer Stellenanzeige inkonsequent verwendet – beispielsweise „Du“ in der Überschrift und unten heißt es dann „Wir freuen uns auf Ihre Bewerbung“ – wird es schwierig. Hier liegt die Vermutung nahe, dass das Unternehmen einfach besonders jung und „hipp“ rüberkommen möchte, weil ein solches Image – zumindest bei Bewerbern unter 30 – vermeintlich besser ankommt.

Letztlich läuft man hier jedoch Gefahr, dass das „Du“ kein ernst gemeinter Ausdruck der Unternehmenskultur ist und der Bewerber daher ins Fettnäpfchen tritt, wenn er den Ansprechpartner im Anschreiben tatsächlich duzt. Wer sich mit einem förmlichen „Sie“ im Bewerbungsschreiben wohler fühlt, sollte sich nicht verstellen und ist damit auf jeden Fall auf der sicheren Seite.

Doch auch ein „Du“ ist an dieser Stelle nicht unangebracht. Denn, man hat Sie in der Ausschreibung schließlich überwiegend mit „Du“ angesprochen, also dürfen Sie auch genauso antworten. Unserer Auffassung nach müssen Unternehmen damit rechnen, dass man sie beim Wort nimmt. Wer locker und trendy rüberkommen will, sollte das auch im Berufsalltag leben und nicht nur nutzen, um auf der Jagd nach den besten Talenten besser abzuschneiden. Sie müssen sich als Bewerber nicht duzen lassen und dann mit „Sie“ antworten. Machen Sie sich nicht kleiner als Sie sind und zeigen Sie Selbstbewusstsein.

4. „Du“ in der Stellenanzeige für Azubis und Praktikanten

Hier ist der Fall etwas anders gelagert: Geht es in der Stellenanzeige um Ausbildungsplätze oder Praktika, kann auch bei konsequentem Duzen davon ausgegangen werden, dass die Verfasser mit „Sie“ angesprochen werden wollen. Dies begründet sich aus der verbreiteten Haltung, dass Jugendliche und junge Erwachsene lieber mit „Du“ angesprochen werden möchten, in der Regel aber mit „Sie“ antworten.

Unsere Empfehlung:
Im Zweifel siezen Sie Ihren Ansprechpartner im Bewerbungsschreiben lieber. Es sei denn, es stößt Ihnen persönlich negativ auf. Stehen Sie in diesem Fall zu sich und Ihrer Meinung und duzen Sie zurück, bleiben Sie aber unbedingt höflich und schreiben Sie nicht zu flapsig. Ein „Liebes Musterfirma-Team“ als Anrede sollte nicht plötzlich zu einem „Hey Leute“ werden.

Übrigens: Bei vielen Startups ist das gegenseitige Du zwischen Arbeitgeber und Azubis bzw. Praktikanten tatsächlich ganz normal.

5. Wie findet man heraus, ob „Du“ oder „Sie“ passend ist?

Wenn Sie unsicher sind, welche Anrede Sie im Bewerbungsschreiben verwenden sollten, helfen folgende Tricks:

Analysieren Sie weitere Stellenanzeigen
Schauen Sie sich nicht nur die Stellenanzeige genau an, auf die Sie sich bewerben möchten. Suchen Sie nach weiteren Stellenangeboten desselben Unternehmens und schauen Sie, ob in allen Anzeigen konsequent geduzt wird. Achten Sie auf mögliche Unterschiede in der Anrede je nach Position. Werden Führungskräfte gesiezt und Bewerber für Junior-Positionen geduzt, dann gehört das „Du“ nicht zum Unternehmensstandard.

Hinterfragen Sie das Image des Unternehmens
Wie tritt das Unternehmen generell nach außen hin auf? Wie ist die Ansprache der Kunden in Werbespots und Marketingkampagnen? Wie förmlich präsentiert sich das Unternehmen auf seiner Webseite? Diese Fragen helfen dabei, Anhaltspunkte für die richtige Ansprache im Bewerbungsschreiben zu finden.

In welchem Umfeld ist das Unternehmen tätig?
Es gibt Branchen, in denen Duzen eher an der Tagesordnung ist, als in anderen. Häufig ist das in der Medien- und Werbebranche der Fall, aber auch in vielen IT-Unternehmen oder in Firmen, die stark amerikanisch geprägt sind – zum Beispiel, weil der Mutterkonzern in den Vereinigten Staaten sitzt. Wie bereits erwähnt, bestehen auch bei Start-ups gute Chancen, dass Bewerber genau richtig liegen, wenn sie in der Bewerbung zum „Du“ greifen.

Hingegen wird in konservativen Branchen, z. B. im Bank- oder Versicherungswesen und in der Rechtsberatung, in der Regel immer noch gesiezt.

Rufen Sie im Unternehmen an
Eine weitere Möglichkeit ist, beim Unternehmen anzurufen und ein paar weitere Details zur ausgeschriebenen Stelle abzufragen. Auf diese Weise schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe: Einerseits kann man bei geschickter Formulierung und Vermeidung der direkten Anrede schnell herausfinden, ob man Ihnen mit „Sie“ oder „Du“ antwortet. Andererseits baut man schon vor der eigentlichen Bewerbung oder dem Vorstellungsgespräch eine persönliche Beziehung auf und der Ansprechpartner im Unternehmen erinnert sich direkt an die freundliche und interessierte Person, die so nett und ausführlich nach Details gefragt hat, die andere Kandidaten überhaupt nicht interessiert haben.

Diese Punkte allein für sich genommen sind noch nicht besonders aussagekräftig, aber im Zusammenspiel, zeichnen sie entweder ein Unternehmensbild, das eher für ein „Du“ spricht oder eben für das traditionelle „Sie“.

6. Fazit

An dieser Stelle möchten wir eine Lanze für das „Du“ brechen und eine Gegenmeinung zu vielen anderslautenden Empfehlungen im Internet vertreten: Wir leben mittlerweile im 21. Jahrhundert, alle reden von „New Work“ und beschwören „Disruption“ und „Digital Transformation“. Bekannte Arbeitsmodelle lösen sich konsequent auf. Bewerber müssen nicht mehr bei Unternehmen als Bittsteller „antreten“, sondern können sich selbstbewusst mit ihren Qualitäten und Ansprüchen präsentieren. Die Generationen Y und Z drängen auf den Arbeitsmarkt und können es sich mittlerweile leisten, wählerisch zu sein – und neue Standards in der Kommunikation zwischen Bewerbern und Arbeitgebern zu etablieren. Zum Teil merken selbst Banken und andere, üblicherweise eher traditionsbewusste Unternehmen inzwischen, dass sie mit steifem Auftreten und Formalitäten bei der Zielgruppe der selbstbewussten, hochqualifizierten und Work-Life-Balance-orientierten Nachwuchskräfte ins Hintertreffen geraten. Startups legen kaum mehr Wert auf Etikette – höchstens noch beim Pitch um die nächste Finanzierungsrunde.

Unser Tipp:
Wenn man Sie duzt, duzen Sie selbstbewusst zurück. Den Respekt, den der Arbeitgeber von Ihnen verlangt, dürfen Sie auch für sich beanspruchen. Falls Sie sich jedoch unwohl dabei fühlen, bleiben Sie beim Sie. Die Hauptsache ist, dass Sie authentisch auftreten – und das können Sie nicht, wenn Ihnen das „Du“ unangenehm ist.

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