Karrierekompass

Unzufrieden mit dem Arbeitszeugnis? Was tun?

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Ein gutes Arbeitszeugnis wirkt als Karriereturbo, ein schlechtes schreckt künftige Arbeitgeber ab. Wenn Sie der Meinung sind, dass Sie in Ihrem Zeugnis ungerecht beurteilt worden sind, gibt es Möglichkeiten, sich zu wehren und Verbesserungen einzufordern.

Deutschland gehört zu den wenigen Ländern in der Welt, in denen Arbeitnehmer einen gesetzlich verbrieften Anspruch auf ein Arbeitszeugnis haben. Laut Paragraph 9 der Gewerbeordnung sind Arbeitgeber verpflichtet, ausscheidenden Mitarbeitern ein schriftliches Zeugnis auszustellen. Aus der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes ergibt sich für die Unternehmen die Pflicht, Arbeitszeugnisse wahr und wohlwollend zu formulieren – schließlich soll die Beurteilung des früheren Arbeitgebers nicht karrierehemmend wirken. In der Praxis stehen diese beiden Forderungen jedoch nicht immer im Einklang miteinander.

1. Zeugnissprache – die Codes der Personaler

Im Lauf der Zeit haben die Personalabteilungen eine Zeugnissprache mit speziellen Codes entwickelt. Schon kleine Formulierungsunterschiede geben Hinweise darauf, ob das Unternehmen einen Mitarbeiter als ausgezeichnet, mittelmäßig oder schlecht beurteilt.

Als Grundgerüst liegt vielen dieser Codes das klassische Schulnotensystem zugrunde. Wer seine Aufgaben „stets zur vollsten Zufriedenheit“ erfüllt hat, wird mit der Note 1 bewertet. Aus dem Weglassen des Wörtchens „stets“ ergibt sich eine 2, aus der vollen Zufriedenheit immerhin noch eine 3. Mitarbeiter, die „sich bemüht haben“, ihre Aufgaben zu erfüllen oder ihre Ziele zu erreichen, werden mit dieser Formulierung mit der Note 6 und ihre Arbeitsleistung damit als völlig mangelhaft bewertet.

Vergleichbare Codes werden eingesetzt, um das Verhalten eines Mitarbeiters zu bewerten.

Wenn Ihnen in Ihrem Arbeitszeugnis eine „stets sehr gute Zusammenarbeit mit Vorgesetzten und Kollegen“ bescheinigt wird, beinhaltet diese Formulierung uneingeschränktes Lob. Wer dagegen „eine erfrischende Art“ im Umgang mit dem Chef und anderen Mitarbeitern an den Tag legt, hat sich aus Sicht des Arbeitgebers unpassend und frech verhalten.

1.1 Weitere versteckte Botschaften im Arbeitszeugnis

 Auch andere Zeugnisinhalte können den nächsten Arbeitgebern eine klare – und für den Beurteilten wenig schmeichelhafte – Botschaft übermitteln:

  • Wenn in einem Arbeitszeugnis vor allem Unwichtiges hervorgehoben wird, lautet die indirekte Nachricht, dass der Betreffende dem Unternehmen nicht viel mehr zu bieten hatte.
  • Eine vergleichbare Aussage wird getroffen, wenn das Zeugnis Leistungen, Kompetenzen und Persönlichkeitseigenschaften, die für diesen Beruf erfolgsentscheidend sind, nicht erwähnt und mit einer positiven Wertung würdigt.
  • Wenn ein Mitarbeiter sich „schnell und effizient“ in Projekte eingearbeitet hat, zu den Projekterfolgen jedoch nichts gesagt wird, dürften professionelle Leser ebenfalls skeptisch werden.
  • Aus der Abschlussformulierung geht hervor, dass das Unternehmen kaum bedauert, diesen Mitarbeiter zu verlieren, beispielsweise durch die Anführung der Tatsache, dass das Arbeitsverhältnis in „beiderseitigem Einverständnis“ endet und/oder Wünsche für die berufliche und private Zukunft nur sehr zurückhaltend ausgesprochen werden.
  • Das Arbeitszeugnis besitzt keinerlei individuelle Note, sondern wurde ausschließlich sachlich und neutral geschrieben.

2. Was tun, wenn Sie mit Ihrem Arbeitszeugnis unzufrieden sind?

Bei der Einschätzung Ihres Arbeitszeugnisses sollten Sie also auf verschiedene Punkte achten. Wenn Sie sich unsicher sind, ob Formulierungen, die Sie auf den ersten Blick als  positiv bewerten, tatsächlich so gemeint sind, kann eine professionelle Zeugnisbewertung weiterhelfen. Falls diese kein positives Bild ergibt oder Sie von vornherein mit Ihrem Zeugnis unzufrieden sind, sollten Sie einer fehlerhaften oder ungerechtfertigt negativen Beurteilung auf alle Fälle widersprechen. Hierfür gibt es mehrere Möglichkeiten:

  • Das Gespräch mit dem Arbeitgeber suchen

Oft reicht ein Gespräch mit dem bisherigen Arbeitgeber aus, um solche Unstimmigkeiten zu klären. Möglicherweise stellen Sie fest, dass hinter dem scheinbar negativen Zeugnis keine böse Absicht steht. Möglicherweise hat Ihr Arbeitgeber sich entschieden, Ihnen kein „codiertes“, sondern ein ausschließlich individuelles Zeugnis auszustellen, möglicherweise beherrscht er – in kleineren Betrieben durchaus nicht unwahrscheinlich – auch die offizielle Zeugnissprache nicht. In solchen Fällen bitten Sie darum, Ihr Arbeitszeugnis mit einem entsprechenden Zusatz zu versehen. Auch bei wirklich strittigen Fragen haben Sie in einem solchen Gespräch oft die Chance, diese aus der Welt zu schaffen.

Falls nicht das gesamte Zeugnis, sondern nur einzelne Formulierungen geändert werden sollen, dürfen die Änderungen keine Brüche oder Widersprüche gegenüber dem restlichen Inhalt erkennen lassen. Anderenfalls ist für künftige Arbeitgeber daraus klar ersichtlich, dass Sie Ihr Arbeitszeugnis nachverhandelt haben.

  • Anbieten, das Arbeitszeugnis selbst zu schreiben

Dass Mitarbeiter ihr Arbeitszeugnis selbst verfassen, ist zwar nicht im Sinne des Erfinders dieses Dokuments – in der Praxis ist diese Alternative jedoch durchaus üblich. Wichtig ist, dass Sie dabei sachlich bleiben, Ihre Leistungen und in der Firma also möglichst objektiv bewerten. Ohne professionelle Unterstützung ist diese Variante allerdings kaum empfehlenswert, falls Sie die Zeugniscodes der Personaler nicht selbst perfekt beherrschen.

  • Eine Zeugnisberichtigungsklage

Das letzte Mittel gegen ein ungerechtes Zeugnis ist eine Zeugnisberichtigungsklage. An den Arbeitsgerichten gehen pro Jahr rund 10.000 solcher Klagen ein. In Ihrem Klageantrag müssen Sie oder Ihr Anwalt ausführlich begründen, welche Formulierungen Sie kritisieren und welche Bewertung Sie sich stattdessen wünschen.

Aussicht auf Erfolg hat die Klage dann, wenn Sie eine Bewertung anstreben, die über die Note 3 („befriedigend“) hinausgeht. Nur dann steht Ihr Arbeitgeber in der Pflicht, die inhaltliche Richtigkeit Ihres Arbeitgebers zu belegen. Auch Sie selbst müssen dem Gericht beweisen, dass Sie eine bessere Beurteilung verdienen. Hierzu können unter Umständen Zeugenaussagen früherer Kollegen nötig sein.

3. Und wenn das Arbeitszeugnis nicht geändert wird?

Wenn gar nichts hilft und das Arbeitszeugnis nicht geändert werden kann, bleibt Ihnen nichts übrig, als dazu zu stehen. Falls Sie sich entscheiden, ein sehr kurzes Beschäftigungsverhältnis stattdessen zu verschweigen, müssen Sie eine Erklärung für diese Phase vorbereiten. Doch es gibt auch noch andere Möglichkeiten, die als Alternative zum Arbeitszeugnis bei der Bewerbung dienen können, z. B. Testimonials von wohlmeinenden Kunden.

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