Karrierekompass
Der Karriereguide von

Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Das sollten Sie bedenken

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Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie mag uns vorkommen wie ein aktuelles Neuzeitthema, doch im Grunde genommen findet sich dieser Themenkomplex in verschiedenen Facetten und Formen in der gesamten Menschheitsgeschichte, und dies in allen Kulturen. Typischerweise musste der Mann beweisen, dass er fähig ist, eine Familie zu ernähren, um überhaupt eine Frau zu bekommen. Die Frau – vielmehr deren Familie – schaute wiederum auf Vermögen und Besitz der Familie des potenziellen Gattens, oder auch auf seine Fähigkeiten als Jäger, Fischer, Schmied. Romantische Liebe, wie wir sie heute kennen, spielte wenn, dann höchstens eine untergeordnete Rolle. Doch auch, wenn sich heutzutage einiges geändert hat, wie z.B. traditionelle Rollenbilder und wer für das Geld sorgt, bleibt der Zusammenhang zwischen einem einträglichen Broterwerb und der Fähigkeit, eine Familie ernähren zu können. Mehr noch: ihr etwas „bieten“ zu können. Sprich: ein Leben zu ermöglichen, wie es unseren Erwartungen und Vorstellungen entspricht. Gleichzeitig besteht ein ausgeprägter Individualismus: Denn der Beruf soll nicht nur materielle Bedürfnisse stillen, sondern auch der subjektiven Selbstverwirklichung dienen.

1. Sie möchten wirklich Kinder haben?

Vorweg: Kinder zu haben, ist grundsätzlich eine großartige Sache. Man erfreut sich an den Kindern, wenn sie klein sind, begleitet sie, wenn sie heranwachsen, und im besten Fall hat man auch tolle vertraute Beziehungen zu ihnen, wenn sie erwachsen sind – und genießt eines Tages vielleicht die Freude, Oma und Opa zu sein. Ein guter Vater oder eine gute Mutter zu sein, gebraucht zu werden, wichtig zu sein für die Kleinen: Dies gibt ein immenses Gefühl von Wert und Bedeutung. Gleichzeitig lernt man auch viel über sich und für die eigene Persönlichkeit!

2. Das große Aber…

Kinder sind eine tolle Sache. Ein munteres Familienleben einfach herrlich. Und dennoch: Eine Familie gründen sollte man nur, wenn man es wirklich selber möchte. Klingt selbstverständlich? Nun – tatsächlich ist nicht immer der eigene Wunsch hier die Triebfeder, sondern gerne auch sozialer Druck und die Erwartungen anderer (Eltern, Geschwister, Verwandte, Arbeitskollegen). Vielleicht möchte man „dazugehören“ oder hält das Familie-Gründen für eine Selbstverständlichkeit. Aber das ist es nicht! Bevor man überhaupt Kinder bekommen möchte, sollten einige Voraussetzungen erfüllt sein, und die ökonomischen kommen da nicht unbedingt als erste! Hier nur eine kleine Auswahl an Fragen, die sich im Vorfeld beantworten sollten:

2.1. Bin ich reif genug, Kinder zu bekommen?

„Reif“ nun mindestens in dem Sinne, dass man willens und in der Lage ist, sich um andere zu kümmern und auch, ertragen zu können, nicht mehr selber Zentrum des Universums zu sein. Kinder sollten nicht dazu dienen, sich selbst zu verwirklichen!

2.2. Bin ich bereit, auf Annehmlichkeiten und Freiheiten zu verzichten?

Dieser Punkt steht in Zusammenhang mit dem Punkt darüber. Bin ich bereit, viel Zeit zu investieren für die Kinder, vom Schaukeln des Babys in der Nacht über Elternabende in Kindergarten und Schule, Hilfe bei den Hausaufgaben bis hin zum Fahrdienst zu Fußballtraining & Co.?

2.3. Ist meine Partnerschaft/Ehe in Ordnung?

Kinder zu bekommen, um damit eine schwierige Beziehung zu „kitten“, ist in den allermeisten Fällen eine schlechte Idee, unter der am Ende alle leiden – inklusive der Kinder.

2.4. Habe ich die nötigen finanziellen Voraussetzungen?

Gerade dieser Punkt ist ein kniffliges Thema ohne einfache bzw. generelle Antworten. Einerseits möchte man in aller Regel die Familie gut versorgt sehen. Möchte seinen Kindern etwas bieten, aber auch den eigenen Lebensstandard halten. Denn Fakt ist: Kinder kosten eine Menge Geld. Die staatlichen Hilfen sind dabei eher ein Tropfen auf dem heißen Stein. Andererseits: Sollte es bei schwierigeren Verhältnissen – Arbeitslosigkeit, niedriges Einkommen, Schulden – per se ein No Go sein, Kinder zu bekommen? In Deutschland muss niemand fürchten, zu verhungern. Und auch mit geringen Mitteln, aber viel Liebe und Phantasie, ist ein schönes Familienleben möglich. Die Frage ist oft eher, ob man dazu auch bereit ist. Bei den Frauen tickt die biologische Uhr – auf eine positive Wende bei der Einkommenssituation kann man nicht beliebig lange warten. Und gerade für Frauen kann es echt bitter sein, wenn man den Kinderwunsch rein aus ökonomischen Gründen verdrängt, obwohl alle anderen Voraussetzungen erfüllt sind – siehe oben – und dann eines Tages dasitzt und sich fragt, ob man es nicht lieber hätte wagen sollen. Es gibt genügend Beispiele für Familien, die in den ersten Jahren durchaus finanziell herausfordernde Zeiten durchschritten haben, aber am Ende gereift und stärker herauskamen. Und durch das Zusammenhalten-Müssen einen stärkeren Familienzusammenhalt haben als in so mancher gut betuchten Familie mit „wohlstandsverwahrlosten“ Kids.

3. Ja zu Beruf und Familie – aber wie?

OK – nehmen wir an, Sie sind bereit, eine Familie zu gründen und fragen sich nun, wie Sie diese am besten vereinen mit Ihren Wünschen nach beruflicher Entwicklung. Dabei geht es nicht nur um den „Luxus“ der Selbstverwirklichung, sondern meist um eine ökonomische Notwendigkeit, denn bei den wenigsten Familien reicht die Erwerbstätigkeit eines Partners aus für den gewünschten Lebensstandard. Auch die Frage nach der Rente ist berechtigt für Mütter, die mit dem Gedanken spielen, ein Leben lang oder zumindest eine längere Zeit Hausfrau zu bleiben. Zur Rente für Mütter und die Anerkennung dieser Leistung in finanzieller Form gibt es bisher kaum überzeugende Lösungen.

3.1. Vereinbarkeit von Familie und Beruf – ganz praktisch

Die schlechte Neuigkeit vorweg: Die Vereinbarung von Kids und Karriere wird mitunter nicht einfach sein. Gerade für Frauen, die oftmals für die jungen Jahre ihres Kindes beruflich aussetzen, ist der Wiedereinstieg schwierig und manchmal sogar unmöglich – gerade in Deutschland. Das Problem liegt dann oft bei den Erwartungen des Arbeitgebers, welcher etwa für die „Babypause“ kein Konzept hat, damit umzugehen. Oder er fürchtet, in die Entwicklung einer jungen Frau zu investieren, um dann zu sehen, dass sich diese für immer ins Familienleben verabschiedet.

Im Bewerbungsverfahren führt das gerne zu unschönen Maskenspielen: Ausloten, ob ein Familienwunsch besteht auf Seiten des Arbeitgebers und die Verneinung dessen auf Seiten der Frau, um den begehrten Job zu bekommen. Ob man hier lieber pokern und taktieren will oder auf Transparenz und Ehrlichkeit setzt, muss jeder selbst abwägen und ist sicherlich auch Typsache. Doch wer mit offenen Karten spielt, kann eher im Kinderfall gemeinsam mit dem Arbeitgeber einen Wiedereinstiegsplan besprechen, mit schrittweiser Steigerung der Arbeitszeiten und besonderen Regelungen und Freiheiten für die Kinderbetreuung.

Besserung in Sicht
Die gute Nachricht ist: Die Entwicklung, wenn auch langsam, geht immer mehr dahin, die Voraussetzungen zu schaffen, dass vor allem Frauen den Spagat hinbekommen mit Job und Kindern. Dazu gehören der Ausbau an Tagesstätten, aber auch die Schaffung von Betriebskindergärten. Nicht komplett uneigennützig, denn kompetente Arbeitskräfte werden zunehmend rar und in einigen Berufen können es sich die Unternehmen schlicht nicht mehr leisten, qualifiziertes Personal zu verprellen. Stichwort „Fachkräftemangel“. Viele Unternehmen werben mit ihren Angeboten für Eltern – auch aus Imagegründen, denn heutzutage zählt auch das Prestige als arbeitnehmerfreundlicher Arbeitgeber.

Stiftungen wie die gemeinnützige Hertie-Stiftung verleihen nach dem entsprechenden Audit das Siegel „Ausgezeichnet Familienfreundlich“, welches aktiv genutzt werden kann für das Werben um qualifizierte Arbeitskräfte. Vergleichbare Projekte gibt es auch in anderen Städten und Regionen wie z.B. in Dortmund durch die dortige Wirtschaftsförderung.

Ebenfalls im Wandel in Deutschland, wenn auch den Entwicklungen anderer Länder hinterherschlurfend: Die Arbeitsmodelle. Sowohl die Möglichkeit der Heimarbeit alias Home Office wird immer öfter geboten als auch Arbeitsverträge abseits der „sakralen“ 40-Stunden-Woche sowie flexible variable Arbeitszeiten bzw. Teilzeitarbeit.

Förderprogramme helfen beim Wiedereinstieg
Geht es um die Wiederkehr in den Beruf, gibt es nicht nur praktische Hürden zu überwinden. Das Selbstbewusstsein im Bezug auf den eigenen Wert für den Arbeitsmarkt kann nach einer längeren Auszeit angeknackst sein. Dies ist dann prekär, wenn bei der alten Arbeitsstelle die ursprüngliche, vertraute Position plötzlich nicht mehr vorhanden ist. Eine längere Babypause plus die Notwendigkeit, sich umzuorientieren, kann überfordern. Deshalb gibt es z.B. von Kommunen auf Landesebene Unterstützung, um den Weg zurück in die Arbeitswelt zu finden.

Das A und O – gute Planung der Partner
Entgegenkommen durch die Arbeitgeber und staatliche Hilfen schön und gut, doch zentral ist erst einmal eine gute Absprache und Planung der Elternteile. Schwierig wird es dann, wenn die Karriere des einen gegen die des anderen ausgespielt wird, und der eine als Bremser des anderen wahrgenommen wird. Deshalb sollten Sie Ihre Pläne so früh wie möglich gemeinsam besprechen! Dass alles noch einmal anders kommen kann, versteht sich ja von selbst, doch sollten mögliche Szenarios durchgespielt und diskutiert werden. Zum Beispiel teilen sich immer mehr Eltern die Elternzeit, was insbesondere dann günstig ist, wenn die Einkommen in etwa gleich hoch sind und beide eine berufliche Weiterentwicklung anstreben.

Und sollte der Wiedereinstieg in den Beruf anstehen, sollten Sie die Betreuung der Kinder rechtzeitig vorher in trockene Tücher gebracht haben: Betreuungsplatz in der KiTa, Großeltern, Tageseltern, Hilfe durch Freunde und Bekannte usw.

Power-Move Existenzgründung
Wer nicht warten möchte, dass (mehr) Unternehmen familienfreundlich werden, kann natürlich auch selber ein familienfreundliches Unternehmen gründen bzw. freiberuflich tätig werden. Laut einer KfW-Studie haben fast drei Viertel der Gründerinnen angegeben, dass sie mit der Selbstständigkeit Beruf und Familie besser vereinbaren wollen. Klar ist das Gründen nicht jedermanns Sache, doch zumindest hat man im eigenen Unternehmen einen größeren Einfluss auf die Rahmenbedingungen, zum Beispiel, ob Sie von zu Hause aus arbeiten können.

4. Man kann nicht alles haben – aber vielleicht mehr als man denkt

Wenn sich auch bei der Vereinbarkeit von Job und Familie viel getan hat, gibt es trotzdem Grenzen. Entweder bei der Karriere oder beim Umfang des Familienlebens muss man meist Abstriche machen. Womit man zufrieden ist, hängt sicherlich auch von der individuellen Betrachtungsweise ab. Für viele Eltern ist es wichtig, noch Aufgaben außerhalb der Kinderbetreuung wahrzunehmen. Andere Herausforderungen, der Kontakt zu den Kollegen und mehr Geld in der Haushaltskasse durch den Job – kurzum berufliche Zufriedenheit – tragen nicht selten dazu bei, dass das Familienleben zu Hause noch einmal eine neue Wertschätzung erfährt und sich manchmal sogar besonders harmonisch gestaltet. Wer im Job glücklich ist, strahlt das auch zu Hause aus. Wer jedoch die Karrieretür komplett für viele Jahre zuschlägt, wird es immer schwieriger haben, wieder einzusteigen.

Fazit: Kinder und Familie zu kombinieren ist herausfordernd, erfordert eine gute Organisation und nicht selten ein gutes Netz helfender Hände. Aber es ist machbar. Wer einen Kinderwunsch hat, sollte ihn nicht zugunsten der Karriere opfern. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie es sonst hinterher bereuen, den Schritt nicht gewagt zu haben, ist hoch.

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